Eine Zeitzeugin berichtet vom Hochwasser am 8.2.1946

Heute vor 70 Jahren hatte Lügde mit einer Hochwasserkatastrophe zu kämpfen. Irene Weidauer hat diese Katastrophe als 6-Jährige erlebt. Ihre Erinnerung an das Erlebnis hat sie in einer sehr schönen Geschichte zusammengefasst. Anläßlich des Jahrestages hat sie uns die Geschichte zur Verfügung gestellt, damit wir sie für Sie veröffentlichen. Dafür auch noch mal an dieser Stelle: Vielen Dank Frau Weidauer! Doch nun zu ihrer Geschichte.

Das alte Sofa und das Hochwasser
(Eine wahre Geschichte)

In der Wohnung von Petra, Emma und Pauline steht ein altes Sofa mit einer langen Geschichte:

Als der Johann und die Sofie 1939 heiraten, zieht das Sofa von Nieheim nach Lügde in die Brückenstraße 10 ein. Es ist gut und stabil gebaut, hat eine geschwungene Rückwand, bewegliche Seitenteile und einen braunen Velourbezug. Sonntags liegt Johann auf dem guten Stück und hält seinen Mittagsschlaf. Danach legt sich Sophie hin und später hopsen die Kinder darauf herum, welch ein Stress! Es übersteht die Strapazen durch die Familie während des Krieges gut und auch danach - bis zum 05. Februar 1946.

Der Winter hatte viel Schnee gebracht, der nun plötzlich durch mildere Temperaturen schmilzt. Flüsse und Bäche treten über die Ufer. Das Wasser steigt unaufhörlich, schon baut man eine Sperre in die Maueröffnung, die auf die Emmerwiesen führt, Sandsäcke werden aufgeschichtet, und wo diese nicht reichen, stampft man Mist und Lehm zwischen die Bretter. Wird die Barriere halten?

Es regnet noch immer, die Erde ist übervoll. Sogar aus den Mauselöchern quillt das Wasser hervor!

Da - es dämmert schon etwas - schießt ein „Wasserfall“ die Stufe hinunter ins Haus, auf den Flur und breitet sich schnell aus. Welch ein Schrecken! Wie gelähmt schaue ich auf das Geschehen. „Schnell Brot, Butter, Wurst, Geschirr und den Kohleintopf nach oben ins Elternschlafzimmer bringen!“, ruft die Mutter. Mein Vater Johann hat schon die schweren Doppelzentner-Mehlsäcke auf den großen, massiven Buchentisch von 3,50 m gestellt, der in der Backstube steht. Der wird mit dem Gewicht der Säcke dem Wasser wohl standhalten!

Alle Räume laufen rasend schnell voll. Inzwischen ist es dunkel geworden, wir haben ja erst Anfang Februar! Das Wasser steigt Stufe um Stufe höher, läuft vorne durch die Haustür herein und hinten wieder hinaus. Im Haus hört man einen Hund bellen. Mein Vater hält eine Laterne aus dem Fenster (der Strom ist ausgefallen) und lässt mich auf die Straße schauen, die wie ein reißender Strom aussieht. Brüllende Kühe, Pferde und Schweine sieht man in den Fluten. Ein Futtertrog schwimmt gerade vorbei. Aus den umliegenden Bauernhäusern hören wir Panikschreie der Tiere. Ein schauriges Szenario!

 Von den 13 Stufen der Treppe sind jetzt 8 überspült und nur 5 Stufen fehlen noch, bis das Wasser die Schlafzimmer erreicht. Meine Mutter beginnt, Kleidung und Wäsche auf den Boden zu bringen. Der Boden enthält alte Schränke, hinten auch Stroh und hat kein Licht. Darum trage ich, 6 Jahre alt, die Laterne. Da - um Mitternacht steigt das Wasser nicht mehr, denn am unteren Ende der Straße ist die Stadtmauer gebrochen. Der Druck lässt - Gott sei Dank - nach, und das Wasser beginnt langsam zu fallen.

Am anderen Morgen steht die gelbe Brühe noch 70-80 cm in den Straßen. Unser Bäckergeselle holt die große Holzmolle, nimmt 2 Brotschieber als Paddel und paddelt hinaus in den Ort. Was er sieht ist erschütternd: Überall liegen tote Kühe, Rinder, Pferde, Schweine und andere Tiere in den Straßen. Insgesamt zählt man über 200 Kadaver. An Ketten ziehen die Bauern mit ihren Pferden die toten Tiere aus der Stadt heraus. Gottlob haben mehrere Bauern ihre Tiere rechtzeitig auf höher gelegenes Gelände getrieben!

Da das Wasser nur langsam fällt, bete ich: „Lieber Gott, lass uns doch zu Grunde gehen!“. Das sei falsch, erklärte man mir. Ich meine jedoch, dass wir wieder nach unten auf den Grund kommen sollen.  Wie sieht es in den unteren Wohnräumen aus? Die Flut hat in der Backstube den schweren Tisch samt den Mehlsäcken umgeworfen. Wovon soll mein Vater nun Brot backen? Das Mehl ist rationiert und das kleine Städtchen birgt viele Flüchtlinge und Vertriebene aus Ostdeutschland. Dazu kommen viele Evakuierte aus dem Ruhrgebiet, deren Wohnungen zerstört sind. Der Backofen ist auch voll Wasser gelaufen. Doch - Gott sei Dank - ist niemand ums Leben gekommen!

Im Wohnzimmer liegt das Oberteil des Schrankes auf dem Ofen, aber keines der Gläser und Teller ist zerbrochen. Auch in der Vorratskammer liegen die Einmachgläser auf dem Boden übereinander, ohne zerbrochen zu sein. Des Rätsels Lösung?

Das Wasser ist nur langsam gesunken und hat so die Gläser heil gelassen.

Und das alte Sofa? Wie hat es die Flut überstanden? Eine dicke Schlammschicht überzieht die Liege wie auch alle anderen Möbel. Vater Johann nimmt eine Plattschüppe, wie man sie auf dem Bau benutzt, und kratzt die Lehmschicht vom Sofa, den Polsterstühlen, dem Teppich, dem Boden u.a. ab. Dann wird mit dem Schlauch alles abgespritzt. Das ist viel Arbeit! Anschließend muss tüchtig geheizt werden. Es ist ja noch Februar.

Noch jahrelang werden wir Lehmspuren an den Büchern, in der Nähmaschine und in den Polstern finden. Aber das alte Sofa steht wieder im Wohnzimmer. Nachdem mein Vater Johann 1964 gestorben war, zieht meine Mutter Sophie in die obere Etage. Das alte Sofa wird vom Polsterer neu aufgearbeitet. Der Bezug wird entfernt, die inneren Lehmspuren beseitigt, neue Sprungfedern werden eingezogen und ein grünlicher Velourbezug lässt es wie neu aussehen. Noch etwa 20 Jahre wird das gute Stück der Gemütlichkeit dienen.

Nach dem Tod von Mutter Sophie 1983 bringt ihre Tochter Edeltraud, meine Schwester, das Erbstück nach Steinheim in den Partykeller.

Die Kinder Oliver und Christian werden größer. Oliver heiratet seine Petra, und die findet das alte Sofa in seiner Art so schön, dass die beiden es wiederrum von einem Polsterer aufarbeiten lassen, - diesmal mit einem weinroten Samtbezug versehen.

So steht es nun in der neuen Wohnung von Petra, Emma und Pauline. Und wenn Emma und Pauline es pfleglich behandeln, so kann es sein, dass auch ihre Kinder das alte Sofa kennenlernen und seine Geschichte erfahren.

Weihnachten 2012

Irene Weidauer, geb. Wiesemeyer

Irene Weidauer, geb. Wiesemeyer

Lügde, 8. Februar 2016