Der Bürger in der Geschichte

Das heutige Recht unterscheidet den Begriff Bürger und Einwohner. Bürger ist, wer an den Wahlen zum Stadtrat teilnehmen kann, Einwohner ist, wer in der Stadt wohnt (§ 6 Gemeindeordnung NRW).

Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war der Bürgerstatus in der Regel nur den Städten vorbehalten. Man musste, um z. B. als Auswärtiger den Bürgerstatus erlangen zu können, einen entsprechenden Antrag an den Magistrat (Stadt) stellen, bestimmte Vorbedingungen erfüllen, den Bürgereid leisten und hierfür auch eine Gebühr zahlen.

Nur Bürger hatten bestimmte Rechte, sie konnten ein “bürgerliches Gewerbe” ausüben und Grund und Boden erwerben. So wichtig damals der Bürgereid auch war, er wurde bedeutungslos, als sich in Deutschland die Gewerbefreiheit durchsetzte, also im späten 19. Jahrhundert.

Welchen Stellenwert man damals dem Bürgereid beimaß, kann man heute kaum noch nachempfinden. Man musste sich gegenüber der Obrigkeit (Stadt und vor allem dem Landesfürsten) zu Gehorsam verpflichten und alles noch mit einer religiösen Eidesformel bekräftigen. Der Text des Eides spiegelte den damaligen Zeitgeist treffend wieder, auch werden die eigentlichen Schwerpunkte des täglichen Lebens (Feld, Wald, Wiesen) besonders hervorgehoben.

Bürgereid in Lügde

“Wir schwören bei Gott dem Allmächtigen einen leiblichen Eid, dass wir Seiner Majestät von Preußen, unserem allergnädigsten König und Herrn, sodann der Obrigkeit der Stadt Lügde jederzeit treu und gehorsam zu sein; was auch immer von Obrigkeitswegen befohlen, sofort mit Treue und Fleiß willig ausrichten; hingegen aber, was verboten, meiden und unterlassen wollen, dem Aufrufe der Obrigkeit überall folgen und unter keinem Vorwande zurückbleiben. Dann auch ferner hiesiger Stadt Güter und Gerechtigkeiten treulich wahrnehmen, derselben Nutzen und Besten überall befördern und besonders Schaden und Nachteile in Hölzern (Wald), Knicken (1), Landwehren, Feld, Wasser, Wiesen und Weiden ohne Scheu verwahren, abwenden und alles soweit wie möglich verhüten. Auch unsere Mitbürger oder sonst wer, wolle keinen Schaden oder Nachteil selbst, seiner Sachen, noch Zugaben, dasselbe von anderen beschädigt werden. Alles wie es einem ehrlichen Manne und Bürger geziemet. So war mir Gott helfe durch Jesus Christus zur ewigen Seligkeit!”

Löscheimer aus Leder, zu sehen im Heimatmuseum Lügde [Foto: Volker Thiele]
Interessant ist auch, dass bei Zuzug oder zum Erwerb des Bürgerrechtes ein Löscheimer nachgewiesen werden musste. Siehe dazu: „1797, der große Stadtbrand in Lügde”.

(1) Knicke: Lebender Zaun (Hecke) im Weideland, der regelmäßig (der Höhe und Breite wegen) gekappt (früherer Ausdruck: geknickt) wurde.