Weiberfastnacht kommt neuerdings auch so plötzlich

Weiberfastnacht 2013: Die Mitglieder des neuen, geschäftsführenden Vorstandes haben sich im Personalraum des Lügder Rathauses zu einer außerordentlichen Sitzung zurückgezogen. © Volker Thiele

(Rathaus Lügde) Weiberfastnacht kommt neuerdings auch so plötzlich: „Du weißt, um 11.11 Uhr übergebe ich den Rathausschlüssel.“ Der Bürgermeister sah wohl, dass mich das nicht sonderlich beeindruckte: „Den Generalschlüssel für die Büros muss ich ihnen natürlich auch aushändigen.“ Und weg war die Hoffnung. Ich hatte keinen Plan B. Ich würde ihnen nicht entkommen. Keine Chance.

Im Nachhinein muss ich sagen: Es hat überhaupt nicht weh getan. Im Gegenteil. Wann wird man schon an einem ganz normalen Donnerstagmorgen im Rathaus von mehreren Damen bestürmt und gebützt?

Später, die Weiber hatten sich bereits im Personalraum des Rathauses einquartiert, traute ich meinen Ohren nicht, was sie mir meldeten. Da sagte der Bürgermeister doch allen Ernstes zu den Weibern: „Im Internet habe ich gelesen: Weiberfastnacht ist nicht mehr aktuell. Ist nicht mehr In.“ Und so etwas in der Laudatio an die neuen Hausherren! (Quatsch, Hausfrauen – oder heißt es Hausweiber?) Stellen Sie sich das mal vor! Klar, dass dem Bürgermeister sofort ein Protestgeschrei der Weiber entgegenblies. Selbstbewusst lies er den Protest über sich ergehen. Er heizte die Stimmung sogar noch auf: „Dafür wurde sogar ein schlüssiger Grund genannt!“ Wieder brüllten die Weiber. Diesmal noch lauter.

Als das Gebrüll abebbte erklärte er mit beschwichtigender Geste: „Begründet wird das in dem Text damit, dass die Weiber doch nicht nur am Weiberfastnachtstag das Sagen haben…“ Jetzt schlug der Protest in einen Begeisterungssturm um. „Eigentlich habt ihr doch das ganze Jahr die Hosen an“, dieses Eingeständnis Bürgermeisters ging in dem Jubelgebrüll der Weiber beinahe unter. Jetzt hatte er sie wieder ganz auf seiner Seite. In einer kurzen Freudenschreie-Verschnaufpause fügte er hinzu: „Aber deshalb schaffen wir in Lügde doch nicht die Weiberfastnacht ab! Ihr seid auch im nächsten Jahr im Rathaus herzlich willkommen!“, rief er den Weibern zu. – Wenn Sonntag gewählt würde…

Als pflichtbewusster Chronisten-Vagabund habe ich mich schnell wieder in mein Büro zurückgezogen. Gerade hatte ich begonnen, diesen Artikel zu schreiben, platze mein Kollege ins Büro. „Die haben mich vergessen!“, entrüstete er sich: „Dabei habe ich heute Morgen extra die guten Schnürsenkel in die Schuhe gezogen.“ Das müssen wir rügen!, waren wir uns sicher. Mit mir an seiner Seite fühlte er sich stark genug, die Kritik mit aller Deutlichkeit der neuen Geschäftsleitung vorzutragen. Wir haben es nicht mal geschafft, bis in deren „Büro“ zu kommen, da waren sie auch schon entzwei – seine „guten“ Schnürsenkel.

Damit ist die Frage geklärt, ob Schnürsenkel auch ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben. Das haben sie nämlich nicht. Nicht wenn Weiberfastnacht ist.

[Rathaus Lügde, 7.2.2013, Text und Fotos: Volker Thiele]

Ergänzt am 10.7.2014: Diesen Text haben wir heute „nachgeladen“. Er war bei dem Relaunch von luegde.de im Herbst 2013 noch nicht mit „umgezogen“.