Die weiße Jungfrau oder die Bank des Versprechens

Vor langer Zeit hatte Hermann der Cheruskerfürst mit seinem Gefolge hier im Wald rund um die Herlingsburg seine Hofstätte. Dort lebte auch eine wunderschöne junge Frau mit langen, goldenen Haaren. Sie war eine von Hermanns Mägden. Eines Morgens begegnete sie beim Wasserholen einem stattlichen Krieger. Die beiden verliebten sich ineinander. Gemeinsam durchstreiften sie die Wälder. Nacht für Nacht lagen sie eng beieinander, beschützt vom samtblauen Himmel und den glitzernden Sternen. „Niemals soll diese Zeit zu Ende sein“, wünschte sich die junge Frau jeden Morgen bei Sonnenaufgang und jeden Abend bei Sonnenuntergang. Doch eines Tages herrschte große Unruhe im Lager. Und rasch sprach sich herum: „Es ist soweit. Hermann will gegen die Römer in die Schlacht ziehen.“ Der Krieger nahm seine Geliebte in die Arme: „Bald bin ich zurück, das verspreche ich.“ Dann ging er fort. Lange stand die schöne Jungfrau am Tor und sah ihm nach. Ihre Tränen wollten kein Ende nehmen.

Die Wochen zogen ins Land. Täglich ging die junge Frau zum Tor und hielt Ausschau. Sie hoffte und bangte, aber ihr Geliebter kehrte nicht zurück. Ein Jahr verstrich. Und dann noch eins und noch eins. Silberglänzende weiße Strähnen durchzogen nun schon ihr Haar – aber sie gab nicht auf. Jedem erzählte sie: „Er kommt zurück. Er hat es versprochen.“ In einer bitterkalten Winternacht schlief sie für immer ein. Aber ihr Herz hat bis heute keinen Frieden gefunden. Nacht für Nacht wandelt sie umher, auf der Suche nach ihrem Geliebten. Wenn das Mondlicht auf ihrem weißen Haar schimmert, kann man sie genau hier sehen. Und manchmal hört man im Wind ein Wispern und Flüstern: „Er kommt zurück, er hat es versprochen.“

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