Hefte raus! Wir schreiben eine Mathearbeit!

„Erinnern Sie sich noch daran, was in Ihrem Kopf herumging als Ihre Mathelehrerin oder Ihr Mathelehrer mit dieser Ankündigung die Schulstunde eröffnete?“, fragte ich meine Gesprächspartner-/innen mit einem breitem Grinsen im Gesicht, „Genau diese Stimmung brauchen wir! Denn jetzt wirds ernst!“

Fairtrade-Stand auf dem 118. Deutscher Wandertag in Detmold © Carolin Nasse

Nun möchten Sie, liebe Leserinnen und Leser, gern wissen, wovon ich spreche. Ich verrate es Ihnen: Ich erzähle Ihnen von unserem Fairtrade-Stand, den wir zum 118. Deutschen Wandertag auf dem Schlossplatz in Detmold aufbauen durften. Wir, das sind Anja Szalatnay und Matthias Wintermeyer vom Fairtrade-Kreis Lippe, sowie ich von der Fairtrade-Stadt Lügde.

Als Anja Szalatnay vor einigen Wochen vorschlug: Wir basteln zum Wandertag mit den Kindern faire Schultüten, da hatte ich vermutlich genauso viele Fragezeichen wie Sie jetzt vor den Augen. Doch genau das haben wir gemacht. Die Kinder konnten mit Unterstützung von Anja Szalatnay und Matthias Wintermeyer aus großen, bunten Papierbögen Schultüten und aus anderen Bögen vorgezeichnete Delfine, Dinos, Schmetterlinge und so weiter ausschneiden, mit Bundstiften ausmalen und auf die Schultüten kleben. Den Kindern hat das einen Riesenspaß gemacht.

Und die Eltern? Die Eltern durften ihnen selbstverständlich mithelfen. Aber um die „Mathearbeit“ kamen sie nicht herum. Denn den Inhalt der Schultüten mussten die Eltern erarbeiten. „Ich wurde zu Ihnen geschickt. Ich soll bei Ihnen Quizfragen beantworten, damit die Schultüte die meine Tocher gerade bastelt auch ordentlich voll wird.“ Und an dieser Stelle stellte ich dann die eingangs erwähnte Frage.

Nahezu alle Eltern erinnerten sich noch an die Situation, die einsetzende Nervösität, das schlechte Gewissen und so weiter. Ausgerechnet heute Mathe! Natürlich ging es bei uns nicht um Mathe, sondern um Fairtrade. Und im Gegensatz zu meinen Kandidat-/innen durfte ich einen Spickzettel benutzen. Ausgearbeitet hatte ihn Matthias Wintermeyer. Es war eine eng beschriebene DIN A4-Seite voller Fragen zum Thema Fairtrade. Gut, dass ich der „Mathelehrer“ war, und Matthias Wintermeyer mir die Antworten dazu aufgeschrieben hat.

Zum Aufwärmen stellte ich Fragen wie: Zählen Sie bitte fünf Produkte auf, die als Fairtrade-Waren erhältlich sind, oder: Was sind die Ziele von Fair Trade?, oder auch: Wie groß ist der Anteil an Fairtrade-Produkten in Deutschland? Leichte Fragen, nicht wahr?

Gern ließ ich mich von den Antworten meiner „Kandidat-/innen“ leiten. Zum Beispiel: „Fairtrade-Kleidung, sagen Sie. So, so. Wie viel Wasser wird denn für ein Kilogramm Baumwoll-Kleidung benötigt? Und wie viele Kilometer reist ein Textilstück durchschnittlich durch die Gegend, bevor es bei dem Käufer landet? Wissen Sie denn auch, wie viel Kilogramm Kleidung wir hier pro Kopf im Jahr ‚verbrauchen‘?“ Was meinen Sie, liebe Leserinnen und Leser: Wie oft wird ein Kleidungsstück durchschnittlich getragen? (Tipp: Weniger als Sie vermutlich denken.)

Fast immer entwickelten sich über die Quizfragen wunderbare Gespräche. Wir unterhielten uns darüber, wie unglaublich günstig hier manche Kleidungsstücke zu kaufen sind und überlegten, was davon wohl bei den Menschen verbleibt, die das Kleidungsstück zusammengenäht haben. Menschen, die nicht selten einen 16-Stunden-Arbeitstag haben. Gemeinsam machten wir uns Gedanken, was jeder einzelne von uns tun kann, dass es auf dieser Welt besser zugeht.

Eine faire Schultüte © Carolin Nasse

„Und erinnern Sie sich noch, wenn der Mathelehrer in der nächsten Unterrichsstunde vor Ihnen stand, Ihre Mathearbeit in den Händen haltend, über den Rand seiner Brille blickte und fragte: ‚Nun, wie schätzt du dich denn selber ein?‘?“, fragte ich meine Kandidat-/innen zum Ende des Quizzes. „Und genau die Frage stelle ich jetzt! Wie schätzen Sie sich denn selbst ein? Reichen Ihren Antworten um die Schultüte für Ihr Kind zu füllen?“ Spoiler: Wir haben alle Schultüten der Kinder mit Fairtrade-Süßigkeiten, mit kleine Leseheftchen, Bleistift, Lineal, Anspitzer und Radiergummi füllen können.

Kurzum: Die Kinder waren begeistert, die Eltern angetan, und wir darüber glücklich. Und wenn Sie den „Mathelehrer“ fragen: Ja, ich glaube, einige „Schüler-/innen“ haben auch etwas gelernt.

luegde.de/fairtrade

(Text: Volker Thiele, 21.8.2018)